Die Ausnahmesituation

Das bin ich, Stephanie.

Als alternativer Titel fiel mir „Covid19 – Oder wie mich die Kinderbetreuung dahin raffte“ ein. War aber zu lang. Und zu negativ. Also versuche ich mal die Kurve zu kriegen.
Während andere Firmen von Kurzarbeit betroffen sind, haben der Mann und ich das Glück weiter arbeiten zu können. Ich bin Produktmanagerin bei valantic, was bedeutet, dass ein Großteil meiner Arbeit aus Planung, Abstimmung und Organisation besteht. Keine leichte Aufgabe, wenn das Büro geschlossen wird und alle ins Homeoffice gehen.

Die Aufgabenliste ist unverändert voll. Geändert hat sich für uns beide aber der Arbeitsplatz. Unser schöner neuer Terrassentisch hat dieses Jahr noch keine Sonne gesehen, dafür hat er seinen Platz in einer dunklen Schlafzimmerecke gefunden. Hat er sich bestimmt auch anders vorgestellt. Bestückt mit Laptop und den Monitoren, die ich bei der Schließung des Büros mit nach Hause nehmen durfte, haben wir hier nun unser neues Büro. Neu ist auch der Zweitjob, den wir beide angetreten haben. Mini und Midi müssen aufgrund der KITA-Schließungen ab sofort zu Hause betreut werden. Beide. Den ganzen Tag. Jeden. Einzelnen. Tag.

05:00 Uhr

Der Wecker klingelt. Dass man mit Kindern nicht mehr ausschlafen kann, ist Gesetz. 5:00 Uhr ist für mich aber eine ganz neue Herausforderung – Ich bin eher der um-9-im-Büro-aufschlagen-Typ. Ich schlurfe in mein Office. Vorteil: der Arbeitsweg beträgt nur noch wenige Meter. Merkwürdigerweise verstreicht auf meinem Arbeitsweg ins „Büro“ dennoch eine ganze Stunde. 2 m/h – Snoozegeschwindigkeit also.

06:00 Uhr

Frisch gestylt (naja immerhin sind die Zähne geputzt) und in meinem Businessoutfit (aka Schlafanzug) sitze ich an meinem Arbeitsplatz. Die nächsten zwei Stunden bieten das absolut Beste, was man derzeit im Homeoffice mit Kindern kriegen kann: absolute Stille. Die Kinder schlafen noch und wir befinden uns in der „vorm ersten Kaffee“-Zeit, d.h. es möchte auch noch niemand meeten oder telefonieren. Man kann jetzt also ganz ungestört und konzentriert Sachen abarbeiten – wunderbar! Vielleicht sollte ich den frühen Arbeitsstart beibehalten, wenn irgendwann wieder Normalität herrscht.

08:00 Uhr

Während pünktlich das erste Telefonat startet, höre ich schon, wie sich kleine Tippelschritte der Zimmertür nähern. Rums – „Guten Morgen Mamaaaa!“. Vorbei ist es mit der Ruhe und Mini und Midi versuchen im Konkurrenzkampf einen Platz auf meinem Schoß zu ergattern. Während ich am Anfang der Corona-Zeit noch versuchte, die Kinder mit wilder Gestik zum Schweigen zu bringen, wenn ich telefoniere, lasse ich es nun einfach geschehen. Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass die Geste „Eis lecken“ zwar problemlos von Kleinkindgehirnen übersetzt werden kann, prägnantes Zeigen auf das Headset aber 0,0 Effekt hat.

Untermauert wird diese repräsentative Studie von diversen Kinderstimmchen, die in Calls mit Kollegen und Kunden zu hören sind. Ich bin also nicht allein. Ein Hoch auf die Mute-Taste. Was bleibt, ist der Ringkampf mit Mini, die äußerstes Interesse daran hat, mir das Headset vom Kopf zu reißen oder auf Tastatur und Touchpad rumzugrapschen. Wenn diese kleinen Grobmotoriker sonst nichts schaffen – Den Auflegebutton erwischen sie mit der Präzision eines finnischen Scharfschützen. Nervös scheuche ich die Kinder aus dem Zimmer und rufe schnell zurück. Schiebe ich Netzwerkprobleme vor? Was soll´s. Puh, der Gesprächspartner kennt die Situation und zeigt vollstes Verständnis.

11:00 Uhr

Der Vorteil der ganzen Telefoniererei ist, dass man dank Headset das Gebrüll in der oberen Etage nicht mehr so hört. Der Mann versucht trotz Kinderdienst an Meetings teilzunehmen. Mini hat dafür wenig Verständnis und setzt auf sofortige Bedürfnisbefriedigung. Midi ist auch genervt und stapft wütend in mein Office. Gott sei Dank finde ich noch einen Rätselblock, welcher mir weitere 30 Minuten Arbeitszeit verschafft. Wenn sich allerdings in einer meiner Spezifikationen das Wort „Pirat“ oder „Labyrinth“ eingemogelt haben sollte, würde mich das nicht wundern.

12:00 Uhr

Mittagspause. Diese ganze Kocherei ist ja fürchterlich. Gott sei Dank kümmert sich der Mann heute ums Essen – ein Vorteil der Frühschicht. Auf meinem Telefon schalte ich zur Vorlesestunde von #wirhaltenzusammen. Die Kinder lauschen dem Dschungelbuch, welches eine liebe Kollegin online vorliest, während ich sie alle 3 Minuten daran erinnere, dabei auch etwas zu essen.

13:00 Uhr

Jetzt beginnt das Highlight des Tages für Midi. Damit der Mann und ich beide noch parallel arbeiten können, darf Midi jetzt Film schauen. Ob Corona doch nur ein strategischer Schachzug von Disney+ ist? Bleibt noch Mini. Mini schläft aktuell nur in Begleitung. Sie wittert es förmlich, wenn man nur darüber nachdenkt, das Zimmer zu verlassen. Ich richte meinen Arbeitsplatz also auf dem Fußboden neben dem Babybett ein. Die nächsten Stunden ähneln der Morgenstille – nur mit Hexenschuss. Für meine Kollegen bin ich in dieser Zeit im Mute-Modus, also nur schriftlich erreichbar. Was mir ohne diese Situation auch nie aufgefallen wäre: Meine Leertaste quietscht unglaublich laut.

15:00 Uhr

Arbeitsende für heute. Ach nein, jetzt beginnt ja der Zweitjob. Der Mann verzieht sich ins Office und wird erst am späten Abend wieder gesehen. Ich decke den Kaffeetisch, die Kinder sind ja aus der Kita eine Vesper gewöhnt. Essen eigentlich alle so viel im Homeoffice? Die Kinder laufen derweil sehr beschäftigt wirkend mit ihren Spielzeugtelefonen an mir vorbei. Mein Ruf zu Tisch wird von Midi mit „Ich habe noch nen Call“ beantwortet. So fühlt es sich also an, wenn man vertröstet wird.

16:00 Uhr

Verdammt, ich habe den Teams-Status auf meinem Handy nicht auf abwesend gestellt. Das Display offenbart mir drei neue Anfragen. Was soll´s, antworte ich noch schnell.

17:00 Uhr

Und zack – eine Stunde weg. Jetzt muss ich aber wirklich umschalten auf Kochen in der Matschküche, Verstecken spielen und Bücher anschauen. Zwischendurch muss ich wenigstens den Müll schnell runterbringen. Interessant, wie selbst diese leidige Arbeit zur reinsten Wonne wird, nur weil man sie ganz allein verrichten darf. „Maaamaaaa, guck mal hier oben!“. Ehrlich? Nicht einmal die einsamen Müll-Minuten sind mir vergönnt? Mini und Midi stehen winkend auf der Terrasse. Wahrscheinlich können sie Gedanken lesen und wollen sicherstellen, dass ich nicht die Flucht ergreife.

21:00 Uhr

Die Endgegner sind im Bett, meine Freizeit beginnt. Ich schaffe ganze 0,8 Folgen Bad Banks bevor mir die Augen zufallen.

Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gelungen ist die Kurve zu kriegen, aber alles in allem reden wir über Jammern auf hohem Niveau. Die Situation ist sicher nicht einfach, aber es gibt sehr viele Menschen, die sehr viel schlimmer betroffen sind als wir. Trotzdem hoffe ich, dass wir das alles möglichst schnell überstanden haben. Es gibt ja zwei Theorien über die Folgen des Lockdowns. Die eine sagt, dass es in 9 Monaten sehr viele Babys gibt, die andere prognostiziert eine hohe Scheidungsrate – was meint ihr?

7 Comments

  1. Mark said:

    Wenn ich das lese, bin ich so froh, dass meine Kiddies größtenteils größer sind als ich…

    15/05/2020
    Reply
  2. Mark said:

    P. S. Da war ja noch eine Frage offen. Ich würde sagen: beides. Obwohl es auch in normaleren Zeiten nicht so einfach ist als Alleinerziehende(r)…

    15/05/2020
    Reply
  3. Mark said:

    P. P. S. Nun bin ich nicht mehr jung (daher die Kindergröße, siehe oben), und meine Frau ist noch ein paar Jahre älter, und chronisch lungenkrank, also wahrscheinlich ernsthaft gefährdet, und daher bin ich sehr dankbar, dass die Kurve abgeflacht wurde, auch durch den außerordentlichen Einsatz von Stephanie und „dem Mann“.

    15/05/2020
    Reply
    • Jens said:

      Dem kann ich nur zustimmen und ebenfalls vielen Dank sagen!

      25/05/2020
      Reply
  4. Jens said:

    Ein toller Einblick in euren Familienalltag mit Herausforderung Homeoffice und Kinderbetreuung. „Den ganzen Tag. Jeden. Einzelnen. Tag.“ 🙂
    Trotz des wirklich ernsten Hintergrunds in unterhaltsamer, lustiger Art und sehr anschaulich geschrieben. Danke, Steffie!
    Der eine oder andere, so auch ich, wird Szenen aus dem eigenen Leben und Erleben wiedererkannt haben.

    Eine Frage allerdings bleibt bei mir: Woher kommt die „Präzision eines finnischen Scharfschützen“? Was zeichnet ihn, den Finnen, dafür aus?

    Deine Frage würde ich wie Mark beantworten: Beides!

    25/05/2020
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    • Steffie said:

      Dankeschön, das freut mich 🙂
      Die Formulierung habe ich dem geschichtsversierten Mann zu verdanken. Sie bezieht sich auf Simo Häyhä.

      28/05/2020
      Reply
      • Jens said:

        Danke für die Antwort und die militärhistorische Weiterbildung, Steffie.
        Ein Scharfschütze ohne Zielfernrohr und mit Schnee im Mund. Erstaunliche Details. 😉

        30/05/2020
        Reply

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